13. Tennis Europameisterschaft der Gehörlosen 2016

Datum: 15. Juni 2016
04. bis 11. Juni 2016 in Portoroz
Tennis EM 2016 – ein Kampf der Giganten
So wurde es angekündigt und das war es auch. Ganz oben mitgespielt hat, wie erwartet, die deutsche Tenniselite mit fünf Finalteilnehmern und -teilnehmerinnen. Und stolze fünf Mal standen sie auf dem Podest, einmal Gold für das Damen-Doppel, zweimal Silber für das Herren-Doppel und das Mixed Schäffer/Fleckenstein, zweimal Bronze für Albrecht im Einzel und das Mixed Albrecht/Breitenberger.
Stolz präsentieren die DGS-Tennisspieler ihre Erfolge (v.l.):
Verena Fleckenstein, Sebastian Schäffer, Hans Tödtel, Heike Albrecht, Urs Breitenberger
Doppel Turnier
Die hart umkämpften ersten Medaillen rollten am Freitag im Doppel Turnier an. Nach der aufgezwungenen Spielpause am verregneten Donnerstag und einem vor allem für Albrecht und Tödter als Einzelspieler knapp getakteten Spielplan hatten die Damen mit der französischen Paarung Boulestrau/Beney das leichtere Los gezogen. Mit einem etwas länger als eine Stunde dauernden hochkonzentrierten Spiel sicherten sie sich den Einzug ins Finale gegen die Villamandos-Lorenzo Schwestern. Schon oft hatten sich diese Doppel auf dem Court gegenüber gestanden, die Deutschen hatten die Nase immer knapp vorne. Bereits nach einem dreistündigen kräftezehrenden Einzel gegen Smirnova am Vormittag und einem Halbfinalspiel gegen Frankreichs Doppel fiel es Albrecht nicht leicht, ihr Spiel sicher zu machen. Und hier kam zum Tragen, was Albrecht/Fleckenstein ausmacht und ihnen den Ruf, unschlagbar zu sein, einbrachte. Beide waren in guter Form, die spanischen Schwestern ließen keine Gelegenheit aus, auf Fleckenstein als die vermeintliche Schwachstelle im deutschen Duo zu spielen. Dank des routinierten erstklassigen Zusammenspiels von Albrecht/Fleckenstein, in dem sie ihre Stärken und Schwächen immer sehr ausgewogen auszugleichen wissen, gelang es beiden konstant, den Ball sauber und gezielt zurück zu bringen. Der erste Satz ging mit einer erstklassigen Gemeinschaftsleistung und 6:3 an die Deutschen. Im zweiten Satz erfreuten beide Partien die Zuschauer in Portoroz weiter mit bestem Damen Tennis. Auch hier ging es nur um Feinheiten. Beim Stand von 5:3 und mit ‚no ad‘ Regel verwandelten die deutschen Spielerinnen gleich den ersten Matchball zum Sieg und zum dritten Mal in Folge zum Europameistertitel im Damen Doppel.
Auf Breitenberger/Tödter warteten zwei beinharte Begegnungen und auch Tödter hatte ein schwieriges Einzelhalbfinale hinter sich. Das Duo startete passiv und scheinbar kampfunlustig ins Halbfinale gegen Kargl/Gravogl und lag schnell mit 1:4 hinter den Österreichern zurück. Trainer Vonthein wurde entgegen seiner Gewohnheit „laut“, entsprechend schalteten die Spieler um und mit erhöhter Aggressivität gelang es ihnen, den Spieß umzudrehen und den Satz mit 5 aufeinanderfolgenden Spielgewinnen und 6:4 für sich zu entscheiden. In gleicher Form machten sie ihr Spiel im zweiten Satz, lagen schnell mit 4:1 vorne. Und trotzdem sich Österreichs Paarung bis auf 3:4 heranspielte, ließen sich Breitenberger/Tödter nicht mehr aus der Ruhe bringen. Hochkonzentriert bis zum letzten Aufschlag zogen sie mit 6:4/6:4 ins Finale ein. Bekannte und vielbekämpfte Finalgegner waren die Franzosen Laurent/Novelli, immer wieder hatten sich diese vier hochklassigen Spieler harte Schlachten im Doppel geliefert, immer in der Finalrunde. Damit verlief das Spiel von Anfang an gleichwertig, die Schwächen und Stärken der Gegner waren bekannt, es ging hier nur um Nuancen. Tödter gelang es im ersten Satz trotz seines spektakulären Aufschlages zweimal nicht, den Satzball zu nutzen, mit 5:7 ging es in Satz zwei. In einem finalwürdigen Tennismatch vom Feinsten lieferten sich beide Parteien einen unerbittlichen Kampf. Am Ende war es erneut ein unglücklicher Aufschlagverlust Tödters, der den Franzosen mit 7:5/6:4 den Titelerhalt aus 2012 sicherte. Silber ging nach Deutschland.
Einzelfinals
Von den Deutschen trat als erster Tödter im Einzel Halbfinale gegen den Ungarn Mathe an, ein harter, schwer zu schlagender Gegner. Tödter ging übernervös in sein Match, fand auf dem ungeliebten Hartplatz in der Halle schwer in seinen Spielrhythmus. Trotzdem brachte er seinen Aufschlag durch und führte mit 1:0. Mathe entgegnete mit erwartet konstanter Treffsicherheit und Variantenvielfalt, Tödter bekam kaum eine weitere Chance im Spiel gegen den Weltranglistenersten, Ergebnis 1:6. Ans Aufgeben dachte er jedoch zu keinem Zeitpunkt und auch wenn der zweite Satz mit 1:6 wieder klar an Mathe ging, zeigte Tödter Kampfgeist bis zur letzten Minute. Im folgenden Spiel um Platz drei am Samstag wieder unter freiem Himmel traf er mit Kargl erneut einen hochklassigen Gegner. Auch gegen den Österreicher war Tödter unterlegen und verlor sein Match mit 2:6/2:6. Unabhängig davon, dass das Ergebnis kein Medaillenrang für den Deutschen war, ist allein der Einzug ins Einzelhalbfinale eine bemerkenswerte Markierung in Tödters internationaler Sportkarriere.
Auch Albrecht liebt den Hallenboden nicht und für sie stand viel auf dem Spiel. Als Weltnummer Eins und Titelverteidigerin sollte es für sie im Grunde ein Pflichtsieg über die junge Russin Smirnova sein. Smirnova war mit elf Jahren erstmals international beim Deaf Youth Open in Hamburg 2014 als ein zukünftiges Talent aufgefallen, bei der WM 2015 in Nottingham hatte sie noch keine entscheidende Rolle gespielt, auch nicht bei der Jugend. Jetzt, ein Jahr später, lieferte die 13Jährige in allen Spielen erstklassiges Tennis ab. Dementsprechend war Albrecht auf eine Herausforderung vorbereitet, jedoch nicht auf eine solche. Unabhängig vom wenig geschätzten Hallenboden und die widrigen Wetterbedingungen hatte Albrecht vor allem mit dem Leistungsniveau der jungen Spielerin hart zu kämpfen. Im ersten Satz überlegen, führte sie auch im zweiten mit 5:3, dann brachte sie sich mit drei vergebenen Matchbällen um den erwarteten Satz- und Spielsieg. Albrecht wirkte, als habe man den Stecker gezogen, nach einem schnellen Rückstand von 0:3 im dritten Satz gelang ihr eine Aufholjagd zum 5:5, das Spiel war auf ihrer Seite. Ausgerechnet da konnte ihr Smirnova den Aufschlag abnehmen, den zweiten Matchball der Gegnerin konnte Albrecht nicht parieren und verlor die Chance auf eine Titelverteidigung mit 6:4/5:7/5:7. Das Spiel um Bronze gegen Smirnovas Landsmännin Chumak verlangte Albrecht vergleichsweise wenig ab, mit einem 6:1/6:0 Ergebnis entschied sie das Match klar für sich.
Mixed
Das sollte nicht die einzige Niederlage sein, die Albrecht gegen Smirnova einstecken musste. Seit Jahren mit Mixed Partner Breitenberger ungeschlagen, musste das deutsche Duo im Halbfinale gegen die russische Doppelspitze Smirnova/Panyushkin eine hauchdünne Niederlage hinnehmen. Wieder war es erstklassiges Tennis, wieder führte Deutschland im ersten Satz glasklar mit 6:1 und wieder waren es eindeutige Fehler auf deutscher Seite, die nach einem Satzergebnis von 5:7 in den dritten Satz zwangen. Ausgerechnet Aufschlagkünstler Breitenberger machte zwei entscheidende Doppelfehler und schenkte dem russischen Duo damit eine 3:0 Führung. Vor den Augen der Zuschauer spielte sich ein wahrer Tennis Krimi ab. Albrecht/Breitenberger holten zum 7:7 auf, es ging in den Champions Tiebreak. Smirnova/Panyushkin machten die Niederlage des deutschen Erfolgsduos mit 10:7 komplett, eine bittere Pille und die erste gemeinsame Niederlage für die beiden Favoriten. Der Sieg im Spiel um Platz drei wurde den beiden leicht gemacht, die französischen Gegner Beney/Novelli unterforderten die Deutschen im ersten Satz, Ergebnis ein schnelles 6:2 aus deutscher Sicht. Im zweite Satz schalteten Albrecht/Breitenberger einen Gang zurück, Beney/Novelli führte bis zum 5:3, dann zogen die Deutschen davon und sicherten sich mit 7:5 Bronze.
Ein sehr viel spektakuläreres Ergebnis erreichten Fleckenstein/Schäffer in ihrer Finalrunde. Gegen die an 2 gesetzte französische Paarung Beney/Novelli setzten sie sich in drei Sätzen mit 3:6/6:3/10:6 durch und erreichten zum ersten Mal ihrer gemeinsamen Karriere im Mixed das Finale. Nachdem der erste Satz durch eine schnelle Führung der Franzosen klar an die Gegner ging, drehten Fleckenstein/Schäffer das Spiel. Nach dem Break zum 2:0 brachten sie alle ihre Spiele durch und es ging in den dritten Satz. Mit konstant starkem Spiel auf beiden Seiten gestaltete der sich bis zum 4:4 sehr ausgeglichen, schönes Tennis war das Ergebnis. Im Match Tiebreak bewährte sich die solide Paarung, vier Punkte in Folge machten einen Traum für die Deutschen wahr – den Einzug ins Finale, eine phantastische Leistung. Im Finale selbst waren Fleckenstein/Schäffer gegen Smirnova/Panyushkin klare Außenseiter, dem schnellen Angriffsspiel der Gegner waren sie nicht gewachsen und das Ergebnis von 1:6/0:6 eindeutig. Das konnte die berechtigte Freude über den Vizeeuropameistertitel nicht schmälern, Silber steht den beiden gut.
Fazit aus deutscher Sicht ist eine absolut erfolgreiche EM Teilnahme durchmischt mit Überraschungen für die gesamte europäische Tenniswelt. Es hat wieder eine Wendung gegeben, West- und Südeuropa dominieren nicht mehr so selbstverständlich wie bisher die Spitze, viele vielversprechende Talente rücken nach, Erfolgsgarantie gibt es für niemanden. Für die deutschen Spielerinnen und Spieler war dieses Turnier ein Jahr vor den Deaflympics eine gelungene Kraftprobe für ihre Vorbereitung auf das Top-Class Turnier, das im türkischen Samsun auf sie wartet.
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