Eine Begegnung in aller Stille
Giessener Anzeiger (Quelle)
Datum: 28. April 2008
Giessener Anzeiger Eine Begegnung in aller Stille
Die Gehörlosen-Nationalmannschaft zu Gast beim TSV Grünberg - Vorbereitung auf EM in Deutschland
Benjamin GösslGRÜNBERG. Ein Wimpel der deutschen Basketball-Nationalmannschaft hängt nun auch im Vitrinenschrank des TSV Grünberg. TSV-Trainer Ralf Römer erhielt das Gastgeschenk nach einem Testspiel, das in der Sporthalle der Theo-Koch Schule stattfand. Dass es sich beim dem Test nicht um die gewöhnliche Begegnung zweier Mannschaften handelte, blieb dem Betrachter auf den ersten Blick verborgen. Erst bei genauem Hinsehen, besser gesagt Hinhören, wird deutlich, dass an dieser Nationalmannschaft etwas anders ist. Stille auf der Auswechselbank der Gäste, keine Rufe, keine Anfeuerungen, keine Ansagen, kein Wort aus dem Trainer-Mund. Das alles aber nicht, weil etwa dem Coach die Worte ob des schlechten Spiels seines Teams fehlten. Nein, es hätte schlicht nichts gebracht, denn die Spielerinnen können den Trainer nicht verstehen. Sie sind gehörlos.
Zur Vorbereitung auf die Gehörlosen-Europameisterschaft, die vom 20. Juni bis zum 28. Juni in Bamberg stattfindet, absolvierte die Nationalmannschaft einen Trainingslehrgang in der Sportschule Grünberg. Wer würde sich also besser als Gegner eignen, als die erfolgreichen Damen aus der Gallusstadt.
"Wir haben eine gute Leistung gezeigt, die Mädels waren natürlich ein bisschen müde. Wir haben in den vergangenen Tagen sehr viel und hart trainiert" zog Nationaltrainer Thomas Dröll eine positive Bilanz des Aufeinandertreffens, das Grünberg letztlich mit 89:43 gewann. Von Beginn an entwickelte sich ein temporeiches Spiel, indem die Gastgeberinnen zumeist den Takt angaben. Dennoch versteckten sich deutsche Nationalmannschaft nicht, sondern hielt gut dagegen. Bei der ersten Auszeit fällt auf, dass nichts auffällt: Große Unterschiede zwischen einem hörenden und einem Gehörlosen-Team waren nicht zu erkennen. Beide Trainer instruierten ihr spielendes Personal - sprachen Fehler an und erteilten neue Vorgaben. Um sich verständlich zu machen, steht Dröll bei jeder Auszeit und Teambesprechung Dolmetscherin Katja Büch zur Seite. Während Dröll redet, übersetzt Büch simultan die Worte in Gebärdensprache.
Einflussnahme während des Spiels ist dagegen für Dröll ungleich schwerer als für sein Gegenüber Ralf Römer. Umso wichtiger ist für die Spielerinnen der Blickkontakt. Mit Gesten versucht sich Dröll verständlich zu machen. "Für uns war das ein sehr interessanter Erfahrungsaustausch und natürlich etwas völlig Neues. Ich denke, für die soziale Kompetenz meiner Mannschaft war das unheimlich wichtig", sagte Grünbergs Trainer Römer im Anschluss. Dem pflichtet Dröll bei: "Es war ein wunderbares Spiel, in dem wir sehen konnten, woran wir noch arbeiten müssen. Ein Riesenkompliment, dass Ralf diesen Test ermöglicht hat."
Aber nicht nur Römer war am Zustandekommen dieser ungewöhnlichen Begegnung beteiligt. Auf Seiten der Nationalmannschaft ist Natascha Laier die treibende Kraft. Laier, selbst gehörlos, begleitet die Mannschaft als Betreuerin und kümmert sich um alle Belange, so auch um die Organisation von Terminen und Gegnern. Seit einem Jahr ist Laier Mädchen für alles und mit vollem Einsatz bei der Sache. Dass die Motivation für das deutsche Team besonders hoch ist, liegt vor allem auch an der Europameisterschaft, die im eigenen Land stattfindet. Alle vier Jahre treffen sich die Nationalmannschaften der Gehörlosen zum Kräftemessen.
Zum Favoritenkreis zählen sich die Deutschen nicht. "Unser Ziel ist der fünfte bis sechste Platz, zu den Favoriten zählen für mich Griechenland und Litauen", sagt Laier zur Rollenverteilung. Dabei bilden Staaten aus dem Osten eine traditionell starke Fraktion im Starterfeld. Mit der Ukraine, Weißrussland, Russland, Litauen und Polen stammen gleich fünf der acht Teilnehmer aus Osteuropa. Deutschland, Schweden und Griechenland komplettieren die Gruppen. Die ehemaligen Ostblockstaaten haben gegenüber der seit 1997 bestehenden deutschen gehörlosen Nationalmannschaft einen entscheidenden Vorteil: "In der Vergangenheit wurde im Osten sehr viel wert auf die Ausbildung im Gehörlosen-Sport gelegt, die Spielerinnen können fast unter Profibedingungen arbeiten", erklärt Laier. Die deutschen Spielerinnen betreiben den Sport als Hobby, für die Lehrgänge müssen sie in der Regel Urlaub beantragen und weite Anreisen in Kauf nehmen. Es gibt zwar auch eigene Meisterschaften der Gehörlosen, doch verteilen sich die Teams über ganz Deutschland, angefangen von Bremen bis München. "Die Gehörlosen sind ein kleines Volk", berichten Laier und Dörr unisono. "In Deutschland gibt es schätzungsweise 200 000 registrierte Gehörlose, wobei die Dunkelziffer ungleich höher sein dürfte" beschreibt Dörr die Situation. Als gehörlos gilt, wer eine Beeinträchtigung von mindestens 55 Prozent der Hörfähigkeit aufweist. Auch im Team von Dröll sind nicht alle Spielerinnen komplett gehörlos.
Ihr Sport wird von dem Handicap indes kaum beeinträchtigt: Sie kommunizieren auf visueller Ebene und sind so wesentlich mehr auf optische Wahrnehmung angewiesen. Das funktioniert aber recht gut, auch wenn Trainer Dröll einiges lernen musste. "Eigentlich ist die Führung einer Mannschaft auf Sprache aufgebaut." erklärt Dröll.
"Die Arbeit ist eine ganz andere, das Coaching-Repertoire wird viel feiner, man reduziert die Anweisungen auf das Wesentliche, um die Aufgaben klarer fassbar zu machen." sagte Dröll, der schon den Basketball-Bundesligisten TSV Bayer Leverkusen trainiert hat.
Zweiter Lehrgang steht: Um in eine gute Form für die Europameisterschaft im eigenen Land zu kommen, ist Betreuerin Laier immer wieder auf der Suche nach geeigneten Testspielgegnern und dankbar für jeden möglichen Kontrahenten. Nach den guten Erfahrungen mit dem TSV Grünberg betonen beide Seiten, dass einem erneuten Kräftemessen nichts im Wege stehen sollte. Möglichkeit dafür besteht bereits im Mai, denn dann gastiert das sympathische Nationalteam zum zweiten Vorbereitungslehrgang wieder in der Grünberger Sportschule.
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